Der Schlafapnoe-Kämpfer Wieder leben.
Einordnung · Schlaf und Gesellschaft

Wenn Schlafmangel zum Statussymbol wird

von Marc Partipilo · Zertifizierter Schlafcoach Veröffentlicht im Juli 2026 12 Min. Lesezeit
Illustration in Dunkelblau und Teal: nächtliche Stadt, im Bürohochhaus leuchtet ein einzelnes Fenster, darin arbeitet eine Silhouette am Schreibtisch zwischen Papierstapeln, unten schläft jemand hinter einem sanft beleuchteten Fenster

Am Montag dieser Woche hat die japanische Premierministerin Sanae Takaichi auf X beschrieben, wie ihr Feiertag aussah: Regierungsdokumente bis in den Morgen, Tausende E-Mails, dazwischen Taschentücher gebügelt und genäht. Und mittendrin der Satz, der seitdem um die Welt geht: Seit ihrem Amtsantritt seien null bis drei Stunden Schlaf pro Nacht ihr Normalzustand. An diesem Feiertag habe sie zum ersten Mal seit Langem fünf Stunden geschlafen. Der Beitrag wurde binnen zwei Tagen über 30 Millionen Mal aufgerufen, die Süddeutsche Zeitung, die New York Times und die japanischen Medien berichteten, und in Japan läuft seitdem eine Debatte darüber, was Arbeit einem Körper abverlangen darf.

Ich habe die Meldung morgens beim Kaffee gelesen, und sie hat mich den ganzen Tag nicht losgelassen. Nicht, weil mich Politik aus Tokio direkt betrifft. Sondern weil ich diesen Zustand kenne, von innen. Ich habe Jahre meines Lebens mit Nächten verbracht, die sich wie null bis drei Stunden Schlaf angefühlt haben, obwohl ich acht Stunden im Bett lag: schwere obstruktive Schlafapnoe, Atemaussetzer von bis zu 83 Sekunden, ein Körper im Daueralarm. Der Unterschied: Ich habe das nicht gewählt. Und stolz war ich erst, als es aufhörte, nicht solange es anhielt. Darum dieser Artikel: eine Einordnung aus der Sicht eines Patienten und Schlafcoaches, mit Studien statt Empörung.

Die kurze Antwort: Japans Premierministerin Sanae Takaichi hat am 20. Juli 2026 auf X geschrieben, dass null bis drei Stunden Schlaf pro Nacht seit ihrem Amtsantritt ihr Alltag sind. Aus Sicht der Schlafmedizin ist das kein Vorbild, sondern ein Warnsignal: Die Fachgesellschaften empfehlen für Erwachsene sieben oder mehr Stunden. Wer dauerhaft unter sechs Stunden bleibt, trägt nach einer RAND-Auswertung ein rund 13 Prozent höheres Sterberisiko, und nach 17 bis 19 Stunden ohne Schlaf sinkt die Leistung auf das Niveau von 0,5 Promille Alkohol. Schlafmangel kostet Japan bis zu 138 Milliarden Dollar im Jahr, Deutschland bis zu 60 Milliarden. Die eine Botschaft dieses Artikels: Müdigkeit ist kein Beweis für Einsatz. Und wer dauerhaft erschöpft ist, obwohl er genug Zeit im Bett verbringt, sollte das ärztlich abklären lassen.

Der Fall: ein Feiertags-Post und 30 Millionen Aufrufe

Zum Hintergrund. Sanae Takaichi ist seit Oktober 2025 die erste Frau an der Spitze der japanischen Regierung. Schon am Tag ihrer Wahl zur Parteivorsitzenden gab sie die Richtung vor: Sie verabschiede sich für sich selbst von der Idee einer Work-Life-Balance. Sie werde arbeiten, arbeiten, arbeiten, arbeiten und arbeiten. Der Satz traf einen Nerv, und zwar beide Enden davon: Ende 2025 wurde er bei der jährlichen Auszeichnung für neue Wörter und Redewendungen zum Schlagwort des Jahres gekürt. Anwälte, die Familien von Überarbeitungs-Todesfällen vertreten, nannten dieselben Worte schlicht: nicht hilfreich.

Dann kam der 20. Juli 2026, in Japan ein Feiertag. Takaichi beschrieb auf X ihren Tag, die Dokumente, die E-Mails, das Bügeln, die fünf Stunden Schlaf als Ausnahme, die null bis drei als Regel. Die Reaktionen zeigen, wie gespalten das Land ist. Die einen schrieben, sie arbeite unter Einsatz ihres Lebens für das Land, und meinten das als Lob. Die anderen fragten, ob ein Staatsoberhaupt öffentlich mit chronischem Schlafentzug werben sollte. Ein Oppositionspolitiker warnte, Schlafmangel beeinträchtige das Urteilsvermögen ähnlich wie Alkohol. Ein zweiter forderte den Rücktritt. Und der Chef einer weiteren Oppositionspartei, Yuichiro Tamaki, fand den Satz, der für mich als Coach der wichtigste der ganzen Debatte ist: Ausruhen gehört auch zu den Aufgaben.

Zwei Dinge will ich festhalten, bevor ich einordne. Erstens: Der Respekt vor dieser Frau ist berechtigt. Sie führt ein Land in schwieriger Lage, sie trägt eine Verantwortung, die sich kaum jemand vorstellen kann, und sie wird als erste Frau in diesem Amt genauer beobachtet als ihre Vorgänger. Dass sie neben Regierungsakten noch bügelt und näht, sagt dabei mehr über die Erwartungen an Frauen in Spitzenpositionen als über ihr Zeitmanagement; eine japanische Professorin forderte in der Debatte darum vor allem bessere Unterstützung für weibliche Führungskräfte. Zweitens: Die Person beurteile ich nicht, ihren Gesundheitszustand schon gar nicht. Was ich beurteile, ist das Signal. Denn eine Regierungschefin, die Schlafverzicht als Leistungsnachweis präsentiert, sendet dieses Signal an Millionen Angestellte, in Japan und weit darüber hinaus.

Japan, das müdeste Industrieland

Der Aufschrei in Japan hat einen Grund, und der ist älter als dieser Post. Japan ist das Land, in dem Schlafmangel seit Jahrzehnten zur Arbeitskultur gehört. In den OECD-Zeitverwendungsdaten schläft kein untersuchtes Land kürzer: 7 Stunden und 22 Minuten im Schnitt, rund eine Stunde unter dem Durchschnitt der 33 verglichenen Länder. Es ist auch das Land mit einem eigenen Wort für den Tod durch Überarbeitung: Karoshi. Der Begriff steht seit Jahrzehnten für Herzinfarkte, Schlaganfälle und Suizide, die staatlich als Folge von Überarbeitung anerkannt werden. Als der Tod einer 24-jährigen Mitarbeiterin einer großen Werbeagentur, die weit über hundert Überstunden im Monat geleistet hatte, 2016 als Karoshi anerkannt wurde, zog das Land Konsequenzen und begrenzte Überstunden gesetzlich auf grundsätzlich 45 pro Monat.

Skizze: Wer schläft wie lange? Wer schläft wie lange? Japan · letzter Platz 7 Std. 22 Min. Südkorea · vorletzter Platz 7 Std. 51 Min. Schnitt der 33 Länder 8 Std. 28 Min. OECD-Zeitverwendungsdaten: kein untersuchtes Land schläft kürzer als Japan.

Zugleich hat kaum ein Land ein so zwiespältiges Verhältnis zum Schlafen. Es gibt das Wort Inemuri: das Einnicken in der U-Bahn, im Meeting, in der Vorlesung, das traditionell nicht als peinlich gilt, sondern als Beleg dafür, dass jemand sich verausgabt hat. Anwesend sein und dabei wegdämmern, als stiller Verdienst. Und es gibt eine Fachwelt, die das Problem längst beziffert: Der japanische Schlafforscher Masashi Yanagisawa, einer der bekanntesten weltweit, schätzt den volkswirtschaftlichen Schaden durch den japanischen Schlafmangel für 2025 auf 18 Billionen Yen, umgerechnet rund 100 Milliarden Euro. Eine RAND-Analyse kam schon 2016 auf bis zu 138 Milliarden Dollar pro Jahr, das entspricht 2,92 Prozent der japanischen Wirtschaftsleistung.

Bevor wir uns zurücklehnen: Dieselbe Analyse beziffert den deutschen Schaden auf bis zu 60 Milliarden Dollar im Jahr. Der Satz, geschlafen wird, wenn ich tot bin, ist keine japanische Erfindung, er hängt auch in deutschen Büros, Werkhallen und auf deutschen Fluren. Wer bei uns erzählt, er komme mit vier Stunden aus, erntet selten Sorge und oft Bewunderung. Genau diese Bewunderung ist das Problem.

Was Schlafmangel mit Urteilskraft und Körper macht

Fangen wir mit der Frage an, die über allem steht: Wie viel Schlaf braucht ein Mensch? Die beiden großen amerikanischen Fachgesellschaften für Schlafmedizin haben dazu 2015 einen Konsens veröffentlicht, der bis heute gilt: Erwachsene sollten regelmäßig sieben oder mehr Stunden pro Nacht schlafen. Sechs Stunden oder weniger reichen demnach nicht aus, um Gesundheit und Leistungsfähigkeit zu erhalten. Null bis drei Stunden sind in dieser Systematik keine Grauzone mehr. Das ist der Bereich, in dem der Körper Raubbau betreibt.

Was dabei passiert, ist gut belegt. Die RAND-Auswertung, die auch die Milliardenschäden berechnet hat, fasst die Sterblichkeitsdaten so zusammen: Wer dauerhaft unter sechs Stunden schläft, hat ein rund 13 Prozent höheres Sterberisiko als jemand mit sieben bis neun Stunden. Chronisch kurzer Schlaf erhöht das Risiko für Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, er verschiebt den Zuckerstoffwechsel Richtung Diabetes, er schwächt das Immunsystem, und er hängt eng mit Depressionen zusammen. Ein Kurzfazit reicht hier: Es gibt kein Organsystem, dem chronischer Schlafmangel gleichgültig wäre.

Für ein Regierungsamt finde ich einen zweiten Punkt noch wichtiger: die Urteilskraft. Der Oppositionspolitiker mit dem Alkohol-Vergleich hat die Studienlage auf seiner Seite. Eine australische Untersuchung ließ Probanden dieselben Aufgaben zweimal lösen, einmal übermüdet, einmal mit steigendem Alkoholpegel. Das Ergebnis: Nach 17 bis 19 Stunden ohne Schlaf entsprach die Leistung dem Stand von 0,5 Promille, der Grenze, ab der in Deutschland am Steuer das Bußgeld beginnt. Nach 24 Stunden lag sie bei rund 1,0 Promille. Reaktionszeiten verlängerten sich in einzelnen Tests um bis zu 50 Prozent. Übertragen heißt das: Wer nach einer Drei-Stunden-Nacht spätabends noch Entscheidungen trifft, arbeitet in einem Zustand, in dem er kein Auto mehr fahren dürfte. Bei einer Person, die über Haushalt, Katastrophenschutz und Sicherheitspolitik entscheidet, ist das keine Privatsache mehr.

Skizze: Wachzeit wirkt wie Alkohol Wachzeit wirkt wie Alkohol aufgestanden 0 Std. wach 17 bis 19 Std. wach Leistung wie bei 0,5 Promille 24 Std. wach wie bei rund 1,0 Promille ab hier beginnt am Steuer das Bußgeld Gemessen an Reaktionszeit und Genauigkeit in Leistungstests. Nach Williamson und Feyer, 2000.

Bleibt der Einwand, der in jeder Diskussion kommt: Es gibt doch Menschen, die mit wenig Schlaf auskommen. Stimmt. Die Forschung kennt echte Kurzschläfer, die nach vier oder fünf Stunden erholt aufwachen; 2009 wurde erstmals eine Genvariante beschrieben, die diesen Schlaftyp erklärt. Nur: Diese Menschen sind extrem selten. So selten, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ausgerechnet du, dein Chef oder eine bestimmte Premierministerin dazugehören, klein ist. Die meisten, die sich für Kurzschläfer halten, sind Menschen, die ihren Schlafmangel nicht mehr spüren, weil das müde Gehirn sich selbst am schlechtesten einschätzen kann. Ob Sanae Takaichi eine der seltenen Ausnahmen ist, weiß ich nicht, und ich beurteile es nicht aus der Ferne. Für die Botschaft, die ihr Post an alle anderen sendet, spielt es auch keine Rolle.

Meine Sicht als Patient: ich kenne diesen Zustand

Jetzt zu dem Teil, den ich beitragen kann und der in der politischen Debatte fehlt: wie es sich anfühlt, so zu leben. Bei mir war es keine Entscheidung und kein Arbeitspensum. Es war eine Krankheit. Meine Frau hat 2019 nachts mit dem Handy gefilmt, wie meine Atmung stehen bleibt, der längste dokumentierte Stillstand: 83 Sekunden. Mein Schlaf sah von außen wie Schlaf aus, acht Stunden im Bett. Innen war er ein Nahkampf: hunderte Weckreaktionen, ein Herz im Alarmmodus, kaum Tiefschlaf. Auf dem Papier hatte ich genug Schlaf. Im Körper hatte ich Nächte, die einem Pensum von null bis drei Stunden näher waren als dem Schlaf eines Gesunden.

Und so sah mein Leben damals aus, lange bevor ich das Wort Schlafapnoe kannte: Ich bin in Besprechungen weggedämmert und habe es mit Disziplin kaschiert. Ich habe dreimal gelesen, was einmal hätte reichen müssen. Ich war dünnhäutig zu Menschen, die mir wichtig sind. Auf langen Autobahnfahrten habe ich das Radio lauter gedreht und das Fenster geöffnet, und heute weiß ich, wie knapp solche Fahrten am Sekundenschlaf vorbeischrammen. Das ist der Zustand, über den wir reden, wenn jemand von null bis drei Stunden pro Nacht erzählt. Von außen sieht er nach Disziplin aus. Von innen ist er ein Blindflug.

Deshalb trifft mich an diesem Fall ein Detail besonders. Niemand bewundert einen Schlafapnoe-Patienten dafür, dass er um drei Uhr wach ist. Zu Recht: Es ist ein Krankheitszeichen. Sobald aber jemand denselben Zustand freiwillig herbeiführt und mit Arbeit begründet, wird aus dem Warnsignal ein Verdienst. Derselbe erschöpfte Körper, zwei völlig verschiedene Bewertungen. Ich habe Jahre und über 15.000 Stunden unter der Maske gebraucht, um mir den Schlaf zurückzuholen, den die Kultur des Durcharbeitens freiwillig wegwirft. Wer einmal auf der anderen Seite stand, kann in einer kurzen Nacht keine Trophäe mehr sehen.

Skizze: zwei Wege in denselben Morgen Zwei Wege in denselben Morgen Die Nacht wird gestrichen Akten bis 3 Uhr, Bildschirm, Termindruck Die Nacht wird zerhackt Atemaussetzer, Schnarchen, Weckreaktionen 6:30 Uhr: derselbe erschöpfte Morgen freiwillig. Eine Entscheidung. unfreiwillig. Braucht eine Abklärung. Der Unterschied steckt nicht im Morgen. Er steckt in der Ursache.

Meine Sicht als Schlafcoach: Ruhe ist auch eine Aufgabe

Als Coach arbeite ich mit Menschen, die ihren Schlaf verbessern wollen, viele davon mit vollen Kalendern und viel Verantwortung. Was ich dort jeden Tag sehe: Das Problem ist selten das Wissen. Kaum jemand glaubt im Ernst, dass drei Stunden gesund sind. Das Problem ist die Erlaubnis. Solange Müdigkeit als Ausweis von Einsatz gilt, fühlt sich Schlafengehen wie Drückebergerei an. Genau darum sind Sätze wie die aus Tokio nicht harmlos: Sie entziehen Millionen Menschen eine Erlaubnis, die sich viele gerade erst mühsam erarbeitet haben.

Dabei ist die Rechnung nüchtern betrachtet eindeutig. Schlaf ist keine Pause von der Leistung, er ist ihr Fundament. Im Schlaf sortiert das Gehirn, was du am Tag gelernt hast, es reguliert Emotionen, der Körper repariert Gefäße und Immunsystem, und im Tiefschlaf läuft das nächtliche Reinigungsprogramm des Gehirns. Wer die Nacht streicht, streicht diese Nacharbeit. Er bezahlt die Wachstunden von heute mit dem Urteilsvermögen von morgen. Für Führungskräfte kommt die Vorbildwirkung dazu: Eine Chefin, die nachts um drei E-Mails schreibt, verschiebt die Norm für alle unter ihr, ohne ein einziges Wort der Anweisung. Der Parteichef Tamaki hat es in der Debatte präziser gesagt als manches Lehrbuch: Ausruhen gehört zu den Aufgaben. Für eine Regierungschefin gilt das doppelt, denn ihr wichtigstes Arbeitsgerät ist keine Aktenmappe. Es ist ein ausgeruhtes Gehirn.

Was wäre die stärkere Botschaft gewesen? Stell dir denselben Beitrag anders vor: Ich habe heute sieben Stunden geschlafen, damit ich morgen klar entscheide. Das wäre unbequemer gewesen als jede Durcharbeits-Anekdote, weil es dem alten Ideal widerspricht. Und es wäre die Art von Stärke, die ein Land mit dem kürzesten Schlaf der Industriewelt von seiner Spitze brauchen könnte. Man kann einem Land das Schlafen nicht verordnen. Aber man kann aufhören, das Nichtschlafen zu prämieren.

Was das alles mit Schlafapnoe zu tun hat

Zum Schluss die Frage, warum dieser Artikel auf einer Schlafapnoe-Seite steht. Die Antwort: Weil dieselbe Kultur, die solche Nächte bewundert, Menschen wie mich jahrelang von der Diagnose fernhält. Wer gelernt hat, dass Erschöpfung zum Erwachsensein gehört, hält auch krankhafte Erschöpfung für normal. Ich habe meine Dauermüdigkeit lange mit Beruf, Schichten und Alter erklärt, mit allem außer der Wahrheit. Wie teuer dieses Wegerklären wird, habe ich im Artikel über das Ignorieren der Schlafapnoe aufgeschrieben. Und genau diesen Satz lese ich bis heute in meiner Community: Ich dachte, das ist halt der Stress.

Darum mein Angebot an dich, falls du bis hier gelesen hast und dich etwas davon angesprochen hat: Nimm die Debatte aus Tokio als Anlass, deine eigene Müdigkeit einmal anders anzuschauen. Es gibt zwei Arten von Schlafmangel. Der eine entsteht, weil das Bett zu kurz kommt. Er ist eine Entscheidung, und du kannst sie ändern, heute Abend. Der andere entsteht, obwohl du im Bett liegst: durch Atemaussetzer, Schnarchen und einen zerhackten Schlaf, der nie in die Tiefe kommt. Die typischen Signale kannst du selbst prüfen, und die Untersuchung ist heute einfacher als je zuvor. Diesen zweiten Schlafmangel löst du nicht mit Disziplin, nur mit einer Abklärung. Wenn du morgens erschöpft aufwachst, obwohl die Nacht lang genug war, wenn dein Partner Aussetzer beobachtet, wenn du tagsüber gegen den Sekundenschlaf kämpfst: Mach den kostenlosen Selbsttest und sprich mit deiner Ärztin oder deinem Arzt. Müdigkeit ist kein Statussymbol. Sie ist eine Information. Und sie verdient eine Antwort, keinen Applaus.

Häufige Fragen zu Schlafmangel

Wie viel Schlaf braucht ein Erwachsener?

Die beiden großen amerikanischen Fachgesellschaften für Schlafmedizin empfehlen in ihrem gemeinsamen Konsens von 2015: sieben oder mehr Stunden pro Nacht, und zwar regelmäßig. Sechs Stunden oder weniger gelten als zu wenig, um Gesundheit und Leistungsfähigkeit dauerhaft zu erhalten. Eine Obergrenze nennen die Fachgesellschaften nicht. Der Bedarf ist individuell verschieden, die Sieben-Stunden-Marke ist die untere Leitplanke.

Kann man sich an drei Stunden Schlaf gewöhnen?

Das Gefühl der Gewöhnung gibt es, die Erholung dahinter nicht. In Studien sinkt die messbare Leistung mit jeder verkürzten Nacht weiter, während die Selbsteinschätzung stabil bleibt: Man wird schlechter und merkt es immer weniger. Echte Kurzschläfer mit nachgewiesener Genvariante sind extrem selten. Wer dauerhaft mit drei Stunden lebt, gewöhnt sich nicht an den Schlafmangel, er verlernt nur, ihn zu spüren.

Was macht chronischer Schlafmangel mit dem Körper?

Dauerhaft weniger als sechs Stunden Schlaf gehen nach einer großen RAND-Auswertung mit einem rund 13 Prozent höheren Sterberisiko einher, verglichen mit sieben bis neun Stunden. Chronischer Schlafmangel erhöht das Risiko für Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Typ-2-Diabetes, schwächt das Immunsystem und belastet die Psyche. Auch das Gehirn zahlt mit: Konzentration, Gedächtnis und Emotionsregulation lassen messbar nach.

Ist Schlafmangel mit Alkohol am Steuer vergleichbar?

In Leistungstests: erstaunlich gut. Nach 17 bis 19 Stunden ohne Schlaf entsprach die gemessene Leistung in einer australischen Studie dem Niveau von 0,5 Promille Alkohol, nach rund 24 Stunden dem Niveau von etwa 1,0 Promille. Reaktionszeiten verlängerten sich in einzelnen Tests um bis zu 50 Prozent. Übermüdung am Steuer gilt darum als ähnlich riskant wie Alkohol, und auch rechtlich kann Sekundenschlaf Folgen haben.

Was bedeutet Karoshi?

Karoshi ist das japanische Wort für den Tod durch Überarbeitung, meist durch Herzinfarkt, Schlaganfall oder Suizid nach extremer Dauerbelastung. Japan erkennt solche Fälle seit Jahrzehnten staatlich an und entschädigt sie. Nach dem Tod einer jungen Werbeagentur-Mitarbeiterin, die weit über hundert Überstunden im Monat geleistet hatte, begrenzte Japan die Überstunden gesetzlich auf grundsätzlich 45 pro Monat.

Woran merke ich, dass meine Müdigkeit mehr ist als Stress?

Das wichtigste Warnzeichen: Du bist erschöpft, obwohl deine Nächte lang genug sind. Dazu kommen lautes, unregelmäßiges Schnarchen, beobachtete Atemaussetzer, nächtliches Aufschrecken, morgendliche Kopfschmerzen und Sekundenschlaf am Tag. Diese Kombination spricht für ein Schlafproblem, das keine Frage der Disziplin ist, zum Beispiel eine Schlafapnoe. Ein strukturierter Selbsttest liefert eine erste Einschätzung, die Abklärung gehört in ärztliche Hand.

Wichtig: Dieser Artikel ist eine Einordnung aus Betroffenen- und Coach-Sicht, keine medizinische Beratung und keine Beurteilung des Gesundheitszustands einzelner Personen, auch nicht der genannten. Zitate und Aussagen aus der japanischen Debatte sind Medienberichten entnommen und sinngemäß übersetzt. Wenn dich Dauermüdigkeit, Schnarchen oder Atemaussetzer betreffen, sprich mit deiner Ärztin oder deinem Arzt.

Quellen und weiterführende Literatur

Veröffentlicht: Juli 2026 · Alle Quellen zuletzt abgerufen am 23. Juli 2026 · Zitate aus dem Japanischen und Englischen sinngemäß übersetzt

Marc Partipilo, der Schlafapnoe-Kämpfer
Marc Partipilo
Zertifizierter Schlafcoach · Seit 2020 in CPAP-Therapie

Schwere obstruktive Schlafapnoe, Diagnose 2020, über 15.000 Stunden mit der Maske. Fragen zu diesem Artikel? Stell sie in der kostenlosen Community, dort antworte ich persönlich.

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